Die Sonne ist da.
Es muss ja nicht gleich so aussehen, als sei man unter der Sonnenbank eingeschlafen, aber ein angemessen trockenes und humanes Wetter machen Dinge wie einfach nur am Meer rumzusitzen oder um den See zu fahren dann doch wesentlich wirtlicher.
Ich habe jetzt den Salat, dass ich mir jeden Tag überlegt habe, was ich aufschreiben könnte und dann am Abend doch zu faul dazu gewesen bin. Dann habe ich mir überlegt, dass Aufschreiben unter eigenem Zwang ja auch nicht Sinn der Sache ist und will mich nun selbst mit einer Compilation der letzten Tage überraschen. Wahrscheinlich sind auf dem Weg hierhin schon wieder einige treffende Gedankentexte hops gegangen, und überhaupt bin ich dieses Jahr nicht ganz so aktiv in Dänemark unterwegs.
Das schlechte Gewissen, nicht so viel herumzukommen, trainiere ich mir noch ab - allerdings gibt es auch noch ein paar Tage, die ich bereits in meinem Kopf mit Aktivitäten verplanen sollte, wollte oder müsste.
Immerhin habe ich mich schon mehrfach in den Straßenverkehr begeben und auf meiner Fahrt entlang der Küste entschleunigende Momente auf der Landstraße verbracht. Es ist ganz lustig, dass man dort zwar 80 km/h fahren darf, aber nicht muss, wie mir eine vorausfahrende dänische Fahrgemeinschaft im hellblauen Opel Corsa gerne vormacht.
Wahnsinn, ich glaube, in Deutschland würde jeder nervös mit dem Gasfuß zucken und mit hektischem Kopfgewackel möglichst links am vermeintlich schleichenden Vordermann vorbeipeilen, um nach wenigen Sekunden den Überholvorgang einzuleiten. Aber das will ich nicht. Ich will kein drängelnder Tourist oder gar Deutscher sein, nur weil sich das gestikulierende Paar im offenbar leicht höheren Alter vor mir durchschnittlich zwischen 69 und 72 km/h schnurgeradeaus vorwärts bewegt.
Drängeln möchte ich aber auch nicht, es ist so ein Mix aus schlechtem Gewissen und dem Gefühl, unhöflich zu sein. Hinzu kommen die Gedanken, dass sich 69 Stundenkilometer auf deutschen Landstraßen wie eine Ewigkeit, also viel langsamer, anfühlen, als hier.
Der hellbraune Teer, oder mit was auch immer die Dänen die Fahrbahndecken so glatt und gerade in die Landschaft legen, zieht sich breit vor dem Kühlergrill auf. Demnach müsste sich alles noch viel langsamer anfühlen - habe ich mal in der Fahrschule gelernt. Breite Straße, viel geradeaus = Realitätsverlust Reisegeschwindigkeit! Als der hellblaue Opel dann doch kurz mal auf 79 beschleunigt, habe ich das nächste schlechte Gewissen. Eigentlich sollte ich Zeit haben, also lasse ich mich etwas zurückfallen und beobachte, wie sich meine vorausfahrenden Gastgeber durchaus angeregt zu unterhalten scheinen. Die sind also eher mit sich selbst beschäftigt und gar nicht mit mir. Die Dänen nutzen die Fahrt gerne für eine gesprächige kleine Reise. Das ist mir schon öfter aufgefallen. So haben sie am Ziel angekommen bereits einen großen Teil der gemeinsamen Zeit in Ruhe genutzt und können sich dem Wesentlichen zuwenden.
Kurz muss ich schmunzeln, weil mir dieser eine Werner-Film wieder einfällt - da schiebt ein eher ausladendes KFZ ein eher fragiles KFZ bis zur Schweizer Grenze vor sich her. Am Ende ist von letzterem Fahrzeug nicht mehr ganz so viel übrig. Ich denke an die nächste Ampelkreuzung, die noch etliche Kilometer entfernt vor uns liegt und wie ich den hellblauen Opel mit den beiden älteren Dän*innen vor meinem Kühlergrill herschiebe. Es würde funken und nach verschmortem Gummi stinken, begleitet von den sich normal weiter unterhaltenden Gesten der beiden Passagiere, die noch nie so schnell unterwegs waren. Wahrscheinlich würden sie dann an der Ampel in Sondervig aussteigen, die Türen würden so rausfallen, wie man das aus Filmen kennt, der hellblaue Corsa wäre bis zur Hälfte von unten aus weggeschliffen und würde nur noch auf Augenhöhe mit meiner Motorhaube vor mir stehen. Überall wären so hellblaue abgeplatzte Lacksplitter verteilt. Aber ich glaube, die beiden würden aussteigen, nach ihren Taschen oder was auch immer greifen - seelenruhig versteht sich - und dann ein Stück Kuchen essen gehen.
Das hat mich beeindruckt. Also dass man mit 69 Kilometern in der Stunde auf so breiten, langen Straßen unterwegs sein kann. Ich weiß nichtmal mehr, wann die beiden abgebogen sind und wohin. Aber anschließend bin ich wieder 84 gefahren, um mein Aktivitäts-Pensum (oder sogar noch mehr) in der Stadt zu schaffen und "damit die Fahrt sich auch lohnt". So habe ich es eben gelernt.
Am nächsten Tag merke ich, dass ich trotz solcher Erlebnisse noch nicht wirklich hier angekommen bin. Auch dabei kann man ein schlechtes Gewissen haben - schließlich sollte man die Zeit in seinem Lieblingsland auch gut nutzen. Dass die ersten Tage eher ungemütlich waren, ist natürlich eine gute Ausrede. Dennoch lässt mich erst die mildere Abendsonne zu einem späten Leuchtturm-Ausflug aufbrechen. Ich muss mich erst aufraffen, aber das kenne ich schon von früher. Später würde es sicher gut werden, auch wenn ich schon etwas unzufrieden bin, weil ich viel früher hätte losfahren sollen.
Leider ist der Fahrradsattel zu hart und ich habe dieses zum ersten Mal mitgenommene Rad vorher nicht getestet. Eigentlich habe ich es erst hier in den ersten Urlaubstagen zusammengebastelt und aufgehübscht und nun entsprechende Erwartungen an erhöhte Mobilität. Früher waren zumindest die Räder kleiner und eine Gangschaltung gab es auch nicht - das müsste doch jetzt erheblich besser laufen...Dass das kleine Fahrrad der vergangenen Jahre einen total breiten und bequemen Sattel besaß, hatte ich natürlich nicht einkalkuliert. Aber der Drang nach Leuchtturm und Meer und Zeit mit dem Meer schiebt mich letztendlich doch den windigen Weg an den Klippen hinauf. Und dort oben gibt es dann nach beinahe einer Woche den ersten wirklich stillen Moment, der mir bislang trotz geografischer Meeresnähe einfach gefehlt hatte.
Den Moment, in dem man nur rumsitzt und guckt. Man kann von der hohen Steilküste aus sehen, wie die Wellen rollen, das Gras um einen herum leicht im Wind flattert, der Kirchturm in der Ferne hell in der Sonne strahlt, Windräder rotieren, Pferde grasen und erstaunlich wenige bis gar keine Menschen mehr dort herumlaufen. Es ist nicht dieses ständige "beim Sitzen ertappt werden" oder von Stimmen unterbrochen werden... Es ist zum ersten Mal "Sein" und nicht Suchen oder Denkerei. Genau das, was das Meer eigentlich ausmacht und wo ich es normalerweise gerne lieber aus der Nähe erlebe, als von hier weit oben.
Aber es ist gut. Es tut mir gut, ich spüre mich und jemand in mir hat grad alles losgelassen, was mich in den letzten Wochen, Monaten oder Jahren bewegt hat. Ich glaube, das ist der Grund, warum ich gerne hier am Meer wohnen würde - mit der Chance, jeden Tag oder Abend zu sich zu kommen und sich aufgeräumt und aufgefangen zu fühlen. Ob das dann vom Wetter abhängt? Ob man dabei immer so für sich sein kann? Ob da nicht vielleicht doch Stimmen wären - von Dänen, die es mit 69 km/h bis an die Küste geschafft hätten und nun dort endlich Dinge zuende besprechen und ihre Vollkaskoversicherung anrufen wollten?
Ich weiß nicht.
Aber dieser kleine Traum vom täglichen Meer vor mir, der wird immer bleiben.
Zitronenkuchengruß!
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