Die Tatsache, dass der sechste Teil meiner wirren Erholungsaufzeichnungen an Tag 11 der Reise entsteht, könnte so manchem Statistiker die Tränen in den Taschenrechner treiben.
Ich stelle heute fest, dass ich in diesen elf Tagen immerhin ein ganzes Buch gelesen habe. Ein bisschen verwundert mich schon, dass ich dafür so lange gebraucht habe, denn ich dachte, dass ich Lesen mögen würde. Wenn ich mich allerdings - wie so oft bei aller Informationsflut - mit anderen Urlaubern vergleiche, ist mein Lesepensum anscheinend eher dürftig. Das verwundert mich - ich dachte, wer gern schreibt, der liest auch gerne und ist da voll gut drin. Wie soll ich zum Beispiel jemals ein ganzes Buch schreiben, wenn ich dann mit dem Nachlesen Wochen oder Monate verbringen müsste? Das geht doch nicht.
Na jedenfalls wars auch kein dicker Schinken: 199 Seiten unterhaltsame Kost, zwei davon sind sogar irgendwie leer - künstlerische Freiheit, wie es scheint. Dieses Mal habe ich bewusst nur zwei Bücher mitgenommen, um mich nicht selbst zu enttäuschen. Der dicke Psychologie-Wälzer ist sogar im Koffer geblieben, obwohl ich mich wirklich gerne psychologisch fortbewegt hätte. Vor zwei Jahren noch hatte ich eben jenen Wälzer euphorisch zum ersten Mal mit in die Urlaubsauszeit genommen und mir zu jeder Seite Notizen gemacht. Zuhause habe ich mich dann an den Schreibtisch gesetzt, und weitere solcher Psychologiestunden abgehalten. Aber bis heute praktiziere ich nicht, weil ich seit über einem Jahr auf Seite 96 festhänge und Psychologiekenntnisse auf der Arbeit nicht so wichtig oder manchmal sogar hinderlich sind. Zumindest als Führungskraft sollte man ohne derartige Fähigkeiten auskommen, damit man in "meiner" Firma ins Portfolio passt. Aber ich schweife ab.
Mit 11 oder 12 hat mich meine Klasse mal für einen Vorlesewettbewerb vorgeschlagen. Ich denke in den letzten Tagen immer mal daran, was daraus geworden wäre, wenn ich nicht abgelehnt hätte. Vielleicht wäre ich jetzt so ein Vorlesemann mit von vielen Wettbewerben gestählter Stimme oder so ein Podcast-Onkel, der mit seinem besten Intellektuellen-Kumpel knuspernd in Mikrofone diskutiert, ob man Bratwurst auf einem Holzkohlegrill immer vertikal zur Rostgeometrie ausrichten sollte oder lieber nicht. Andererseits könnte ich auch dort weiter vom Vorlesewettbewerb erzählen. Also nochmal zurück:
"Abgelehnt" klingt natürlich staatsmännisch und cool - damals habe ich einfach nur Angst gehabt und mich nicht getraut, obwohl ich bei klasseninternen Vorlesedings immer zusammen mit ein oder zwei Mädchen zu den Besten gehört habe. Damals hatte ich einfach nicht das Vertrauen in die Coolness von Vorlesen und nicht das Bewusstsein, dass ich etwas, was ich ggf. gut konnte, auch mal in den Vordergrund stellen könnte. Daraus hätten sich ja durchaus ganz neue Möglichkeiten ergeben. Da Lesen oder Vorlesen offenbar aber was für Mädchen war, lag der von mir gefühlte Wert meiner Begabung wohl eher im einstelligen Bereich. Bei den "coolen Jungs" hatte ich ausserdem den Eindruck, dass die bloß jemanden finden wollten, damit sie nicht selbst stotternd oder mit der Betonung eines labberigen Käsebrots vor einer Jury aus Sparkassen- und anderen höher dortierten Menschen an einem unbekannten Vorlesetext scheitern mussten. Aber jetzt steht hier ein ganzer Absatz mit den Ausreden eines kleinen Jungen. Meinen Ausreden.
Wenn die Angst einen daran hindert, etwas Neues auszuprobieren, das ist ziemlich blöd.
Das gelingt mir heutzutage besser und man kann etwas dagegen tun. Wenn auch nicht jedes Mal gleich gut oder überhaupt gut. Vielleicht habe ich in elf Tagen auch nur 199 Seiten geschafft, weil ich zwischendurch damit beschäftigt war, ein paar mehr Worte als üblich mit verschiedenen Menschen auf Dänisch zu wechseln.
Und das ist mir nun einen
Zufriedenheitsgruß!
wert.