Dienstag, 7. Juni 2022

Kleines Urlaubsinseltagebuch: 2. Teil

Beim Einkaufen ist mir heute aufgefallen, wie oft ich mich falsch fühle. 

In einem fremden Land blitzen die alten Unsicherheiten auf, die ich noch aus Zeiten spüre, in denen Angst und Unsicherheit diese leider notwendige Warenbeschaffung zu einer großen und manchmal nicht lösbaren Aufgabe gemacht haben. Ich freue mich, dass das Vergangenheit ist.

Dennoch entsteht, so wie nun hier in Dänemark, ein ganzer Supermarkt voller Gedanken - es fängt schon beim Parken an und ist sehr anstrengend. Eigentlich fühlt sich alles an, wie ein traniger Sonntag mit flauem Bauchgefühl, an dem man aber montagsmäßig leisten muss. Dabei war Dienstag!

Beim Parken also denke ich nach, ob ich schnell genug eingeparkt habe oder zu lange auf den Opa im grauen, verbeulten Opel Corsa gewartet habe, der mit qualmender Kupplung so gerade aus der großzügigen aber steil abgesetzten Einfahrt herausgekrochen ist.

Hinter mir warteten auch schon 2 Autos, was im Vergleich zu deutschen Verhältnissen reichlig moderat erscheint aber trotzdem unnötige Eile vermittelt. Dass der Opa dabei der Bremser war und nicht ich, blendet mein Wertungssystem in solchen Fällen offenbar aus. Gleichzeitig fragt sich eine andere Abteilung, ob ich alles finden werde, was ich haben möchte? Und ob man mir das Touristendasein ansieht, wenn ich aussteige? Natürlich könnte man es schon am Autokennzeichen erfassen, aber um rationales Denken gehts hier ja nicht.

Und weiter: In welcher Sprache werde ich mich mit der Kassiererin "unterhalten" und werde ich im Affekt wieder mal auf Deutsch antworten und mich danach schämen, weil mein teurer Babbel-Sprachkurs zwar in der App super funktioniert, aber in der Realität ganz andere Hirnareale die Kontrolle übernehmen?

Ich habe zwar extra die Sommershorts gegen eine Jeans getauscht, um bei 16°C nicht gleich als Tourist aufzufallen, aber schon bei der Befreiung des Einkaufswagens gerät der Plan ins Stocken, da der Dänische Drahtkorb den üblichen Plastikeinkaufschip nicht akzeptiert.

Dafür braucht man Münzen. Kronen. Man muss nah an die entsprechende Apparatur mit der Kette und den Schlitzen herantreten, um die gewünschten Maße ablesen zu können: 10 oder 20 Kronen sollen es sein. Die habe ich, aber ich weiß, dass ich nun länger danach suchen muss und das für andere ja schon wieder sehr auffällig ist.

Gleichzeitig stört mich jetzt schon, dass ich in so einer banalen Situation so viel über mich nachdenke, wie sonst im Alltag schon gar nicht mehr notwendig. 

Natürlich bemerkt aber niemand, wieviel Aufwand mein Kopf bis zu diesem Zeitpunkt schon betrieben hat und mein damaliger Therapeut würde entkatastrophisierend sagen: "Das geht den anderen genauso" und "Was könnte schlimmstenfalls passieren?"

Das sind übrigens schon wieder viel zu viele Gedanken, ich wollte ja nur einkaufen gehen. Anonym. In einem großen Supermarkt. 

Die Dänen kaufen sehr gelassen ein. Das betrifft sowohl Rentner, als auch Frauen mit Kindern oder gar junge Paare. Manchmal fragt man sich, ob die überhaupt zusammen sind und ob das schon das Maximum an Lebendigkeit in der Performance ist. Eigentlich schon zu gelassen und monoton schieben sich die Menschen ums Gemüse oder zwischen den Kühltruhen entlang. 

Ich müsste auch entspannt sein, bin es aber nicht. Wenn ich 5 Sekunden zu lange vor dem Käseregal oder auf der Suche nach Bratwurst herumstehe, bekomme ich Stress. Das geht mir jedes Jahr so, weil die Dänen auch einfach keine normale Bratwurst im Angebot haben. Dafür gibt es 8 verschiedene Sorten Pölser, die mir nicht schmecken. Was stimmt denn nicht mit mir?!

Dass ich mir 2 Stunden lang Pommes angucken dürfte oder 25 Mal die Tüte mit den Aufbackbrötchen wenden und drehen, bis ich alles verstanden hätte, kommt mir surreal vor. Eigentlich fragt sich doch jede(r), was ich da solange mache, wenn ich denselben Gang 2 oder sogar 3 Mal auf und ablaufe? 

Zusätzlich kommt noch der große Preisvergleich inklusive Umrechnen per App direkt vorm Produkt stehend und der versehentliche Griff zu laktosefreier Milch hinzu. Die gilt es dann unauffällig und möglichst cool zurückzustellen - spätestens an der Kasse wäre es ziemlich unglaubwürdig, dass jemand wie meine Person freiwillig laktosefrei einkauft. 

Also alles gedanklich unsicher irgendwie. Gefühlt dauert ein kleiner Einkauf locker 45 Minuten, obwohl ich mich mit den dänischen Bezeichnungen schon ganz gut auskenne.

Leider relativiert sich dieser Anflug von Textsicherheit, sobald zwei ältere Herren eine kleine Konversation neben der Kühltheke starten. Ich verstehe kein Wort und heute besteht alles aus L's. llllllllll und so weiter. Dass aus Doppel-D ein Doppel-L im Sprachgebrauch wird, hilft dann kognitiv auch nur bedingt.

Das eigentliche "Problem" liegt in mir. Es ist auch kein großes Problem, denn schließlich überlebt man das alles ja recht einfach. Es nervt allerdings, sich anders zu fühlen.

Aber ausser, dass ich der Kassierin auf ihre Frage nacht dem Bon mit "ja, bitte" antworte, ist nichts Schlimmes passiert und ich habe fast ausschließlich Dinge aus der Negativperspektive erzählt.  Das alles wird "hinterher", wenn man mit einer Dose Faxe Kondi Lakrids zum Auto marschiert und die Sonne zwischen den Wolken durchlukt ziemlich bald egal sein - bis ich beim nächsten Mal wieder hier parke.

Gedankengrüße!


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